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Interview > Interview mit Ulrich Wickert

Interview Teil 1

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Ionesco: ...Ich reise ab. Ich reise gerne ab.

Wickert: Gibt es einen psychologischen Grund, warum Sie so gerne abreisen, einfach weggehen?

Ionesco: Ja, das ist eine psychologische Frage. Ich habe einfach Lust, anderswo hinzugehen, zu fliehen. Wenn ich zu Hause bleibe, habe ich den Eindruck, dass mir größere Gefahren drohen, als wenn ich herumreise. Ich liebe das Abreisen. Ein französischer Dichter hat gesagt, Abschied nehmen heißt ein wenig sterben. Ich sehe das umgekehrt: Weggehen heißt ein wenig leben. Also reise ich ab.

Wickert: Sind Sie immer gerne abgereist?

Ionesco: Schon immer, schon immer gerne. Früher tat ich es sehr selten. Das Reisen war teuer und ich hatte nicht viel Geld. Heute habe ich Geld, und obendrein bezahlt man mir auch noch meine Reisen. Früher, als ich kein Geld hatte, bezahlte man sie mir nicht.

Wickert: Ist es Ihnen eigentlich egal, wohin Sie reisen. Ist nur wichtig, daß Sie reisen?

Ionesco: Einfach abreisen, neue Orte kennenlernen. Es macht mir Freude, Menschen zu begegnen. Ich unternehme viel, sehe mir Ausstellungen an, schreibe auch in einem Hotel in St. Gallen, lerne Menschen, lerne neues kennen. Ich habe das Gefühl, wenn ich auf Reisen bin, dass die Welt neu wird, ganz frisch, jungfräulich. Immer bin ich auf der Suche nach der neuen Welt. Ich bin ein Christoph Columbus, der die neue Welt sucht; zum Beispiel in der Schweiz. Er sucht, wo er kann. Ärgerlich ist nur, daß man nichts neues mehr entdeckt. Sie reisen nach Deutschland, nach Amerika oder in die Schweiz, und überall spricht man von Reagan und von Gorbatschow. Die Eisschränke, die Autobahnen; es ist heute schwierig, wirklich interessante Orte zu sehen. Man muss Umwege machen, denn das Interessante ist versteckt. Die schöne, neu zu entdeckende Welt ist verborgen. Immer auf den Autobahnen und in den Flugzeugen; das hindert uns daran, etwas zu sehen. Aber nur ganz selten entdecken wir neues in der Landschaft und in den Städten, die sich allmählich ungeheuer gleichen. Das herrliche Deutschland besaß früher so schöne Städte. Zum Glück sind noch ein paar übrig. Aber die meisten sind kleine New Yorks geworden. Wenn sie in der Wüste spazieren gehen, ja, die Wüste ist etwas Neues. Ich war einmal in Israel, da fragte mich der Landwirtschaftsminister, der gegen die Wüste ankämpfte, um etwas Land zu gewinnen: 'Was hat Ihnen hier in Israel am meisten gefallen?' Ich habe dem Minister ganz dumm geantwortet: 'Die Wüste.' In den Großstädten findet man die Wüste, aber eine lärmende Wüste. Ich suche eine wirkliche Wüste, die Einsamkeit.