Interview > Interview mit Ulrich Wickert

Interview Teil 2

Interviewfoto

Wickert: Warum suchen Sie die Einsamkeit?

Ionesco: In der Einsamkeit finde ich den Menschen. In den Massen kann ich ihn nicht mehr finden. Es gibt Einzelgänger, die wirklich isoliert sind, und es gibt Pseudo-Einsame. Die wirklichen Einzelgänger sind in ständigem, mystischem oder realem Kontakt mit dem Universum.

Wickert: Wo stehen Sie? Welche Art von Einzelgänger sind Sie?

Ionesco: Ich versuche, ein wirklicher Einzelgänger zu sein, aber zwangsläufig bin ich es nicht. Ich stehe in Kontakt mit allen möglichen Welten, den Zeitungen und den Massenmedien. Gerade jetzt, in diesem Augenblick. Ich weiß nicht einmal, ob ich etwas bewahren kann von dem, was mein Ich ist und was von mir übrig bleiben wird. Das, was auch die Anderen ausmacht, ihre eigentliche Tiefe. Denn, wie gesagt, das Ich ist letztlich nicht von den anderen getrennt. Es begegnet den anderen in sich selbst.

Wickert: Was würden Sie gerne in Ihrem eigenen Ich entdecken?

Ionesco: Gott.

Wickert: Existiert er?

Ionesco: Er existiert nicht, er ist. Dennoch existiert er. Aber wir haben nur einen Zugang zu ihm durch die Existenz von Jesus Christus. Gott ist in unserer Reichweite, weil er Mensch geworden ist. Ansonsten ist er ein Sein. Er hat keinen Namen, er ist unendlich. Und unendlich unbeschreibbar. Konkret existiert er nur in seinem Sohn, der Fleisch geworden ist.

Wickert: Sie sagen, Sie würden gerne in Ihrem Ich Gott begegnen. Was ganz konkret glauben Sie darin zu finden?

Ionesco: Das ist schwer zu sagen. Ein Licht, eine Gegenwart. Meine Tochter sieht Gott, wenn sie die byzantinischen Ikonen anschaut. Jesu Augen in den Ikonen. Plötzlich glaubt sie eine Gegenwart zu spüren, und genau das ist Gott. Eine Gegenwart. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht, als ich 18 Jahre alt war. Ich befand mich, diese Geschichte habe ich schon oft erzählt, in einer kleinen Provinzstadt, früh morgens im Juni. Plötzlich wurde das Licht blendend weiß, viel strahlender als die Sonne. Die Wäsche, die zum Trocknen im Hinterhof hing, die arme Bettwäsche sah plötzlich übernatürlich aus. Alles erschien mir unsagbar schön. Und vor allem spürte ich diese Gegenwart, die mich denken und sagen läßt: 'Nie wieder werde ich Angst vor dem Tod haben. Und wenn ich alt bin, werde ich mich an diesen Augenblick erinnern und keine Angst haben.' Aber das ist jetzt nur noch eine Erinnerung einer Erinnerung einer Erinnerung. Den Augenblick selber gibt es nicht mehr. Diese Gegenwart, dieses mystische Phänomen, das nur einige Augenblicke gedauert hat, löste sich auf, und danach erschien mir die Sonne düster. Solche Erfahrungen sind selten. Voller Licht und Intensität. Genau das bewahrt einen vor dem Sterben, läßt einen hoffen, trotz der Schrecklichkeit der Welt. Manchmal träumt man von einem Tunnel. Am Ende des Tunnels das Licht, und man geht auf das Licht zu. Diesen Traum habe ich Freunden erzählt. Anscheinend ein archetypischer Traum. In den Augenblicken tiefster Verzweiflung taucht dieser Traum auf.