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Wickert: Sie sagen, Sie haben viele Albträume. Was träumen Sie da? Furchtbare Dinge, die Sie selbst begehen?
Ionesco: Ich habe oft schreckliche Albträume. Und beim Erwachen habe ich den Eindruck, dass ich mich noch immer in diesem Alptraum befinde. Noch vor Kurzem hatte ich so einen Traum. Wenn es so ist, stehe ich auf, ziehe mich an und gehe ins Badezimmer, damit der Albtraum sich auflöst oder verschwindet. Und schließlich löst er sich wirklich auf. Dann falle ich in einen anderen Albtraum, in den des Alltags. Ich habe das Gefühl, dass unser Leben ganz und gar unerträglich ist, dass wir eine Hölle durchmachen, besonders in den letzten zwei Jahrhunderten. Die Menschen machen Revolutionen, die eine nach der anderen übel ausgehen. Ich habe wirklich das Gefühl, die Welt ist entsetzlich. Ausgenommen einige Augenblicke, die schrecklich und wunderbar zugleich sind.
Wickert: Was passiert in Ihren Albträumen?
Ionesco: Terrorakte.
Wickert: Sind das Dinge, die Sie tun oder die Sie erleiden?
Ionesco: Die ich beinahe erlebe. Ganz in der Nähe, 50 Meter von hier passierte letzten Sommer in einem Kaufhaus in der Rue de Reine eine entsetzliche Katastrophe. Ich weiß also nicht mehr, ob ich im Wirklichen oder im Unwirklichen bin. Dann halte ich das Wahre für das Unwirkliche, und umgekehrt. Nein, es geht um das Wirkliche, nicht um das Wahre. Das Wahre ist das Heutige. Ich verwechsel also das Wirkliche und das Unwirkliche. So grausam sind alle beide. Und in meinen Träumen sehe ich Terror, begehe selbst gräßliche Dinge. Manchmal glaube ich, ich trage in mir ein Verbrechen. Weil die Menschheit im Verbrechen lebt.
Wickert: Sind Sie Pessimist?
Ionesco: Ich kann nicht behaupten, dass ich pessimistisch wäre. Ich sage nur, dass ich erstaunt und erstaunt, entsetzt und entsetzt bin. Und ich frage mich, wie lange das alles noch dauern wird. Das ist die Hölle. Die Hölle ist die Dauer. Die Hölle ist die Wiederholung. Die Hölle dauert lange, die Ewigkeit hingegen nur einen Augenblick. Die Ewigkeit ist außerhalb der Zeit.
Wickert: Viele Ihrer Stücke enden mit dem Tod.
Ionesco: Mit dem Tod oder mit der Katastrophe. In 'Mörder ohne Bezahlung', eines meiner Theaterstücke, gibt es eine Person, die den Mörder fragt, warum er mordet. Und sie versucht ihn zu überreden, keine Leute mehr umzubringen. Eine leicht verständliche Parabel. Der Mensch und der Tod; radikal entgegengesetzte Weisen zu leben. Im Bösen leben, im Tod leben oder im Leben leben. Im Leben leben heißt einen ewigen Frühling wiederfinden, der manchmal in uns selber liegt. Das endet in der Katastrophe, wie in meinem Stück 'Die Nashörner', wie in den fröhlichen Stücken wie 'Die kahle Sängerin'. Da geht es auch um eine Katastrophe. Die Katastrophe der Sprache. Es treten Leute auf, die ganz ernst dasitzen und unsinniges Zeug reden, wie man es immer tut. Und plötzlich geraten die Wörter aus den Fugen, sie verrenken sich. Es geht um eine Verrenkung der Sprache, also um eine Art Verrenkung der Welt. Aber dieses aus den Fugen geraten der Sprache habe ich lustig beschrieben.