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Interview > Interview mit Ulrich Wickert

Interview Teil 6

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Wickert: Es war also wichtig, daß er etwas Wertvolles gestohlen hatte. Das wertete die Gastgeberin auf.

Ionesco: Ja, das wertete sie auf.

Wickert: Warum haben Sie Sartre nicht gemocht?

Ionesco: Aus mehreren Gründen. Weil er ständig die politische Richtung wechselte.

Wickert: War Sartre ein schwieriger Mensch, wenn man ihm begegnete?

Ionesco: Nein, aber ich habe ihn selten gesehen. Man hat mir jedoch erzählt, er sei der höflichste, freundlichste Mensch der Welt gewesen. Er hatte eine Schwäche für mich. Aber wegen seiner Meinungsschwankungen, seiner ständigen Widersprüche mochte ich ihn nicht. Dennoch war ich der einzige Schriftsteller, mit dessen Stücken er seine Stücke zusammen aufführen ließ. Er hatte also eine Sympathie für mich. Und kurz vor seinem Tod habe ich von ihm geträumt. Wir befanden uns in einem Theater. Ich habe zu ihm gesagt: 'Aber hier ist ja niemand, der meinetwegen gekommen ist.' Und Sartre sagte: 'Aber ja doch, sehen Sie da oben, auf dem Olymp, ganz viele Menschen.' In meinem Traum habe ich zu Sartre gesagt: 'Wie gern hätte ich sie kennengelernt.' Und er hat mir geantwortet: 'Zu spät.' Nach seinem Roman 'Der Ekel' mochte ich ihn sehr, aber nicht mehr nach 'Das Sein und das Nichts', wo es keine Freundschaft zwischen den Menschen gibt, nur Machtverhältnisse. Danach hat er andere Bücher geschrieben. Ich hätte ihn wirklich gern näher kennengelernt. Er fehlt mir in meiner Galerie von Pariser Schriftstellern und Künstlern.

Ionesco (zur Malerei): Ich male, weil es eine Therapie ist. Eine ausgezeichnete Therapie.

Wickert: Therapie wogegen?

Ionesco: Für meine Ängste. Gegen meine Beklemmungen. Ein Übermaß an Not, Angst. Meine Ängste überwältigen mich ganz und gar. Ich konnte gar nicht mehr leben, so schrecklich waren meine Ängste und Depressionen, die durchaus berechtigt sind, wenn man sich die Welt ansieht. Ein Psychotherapeut sagte mir: 'Die Neurotiker haben Recht.' Trotzdem gibt man ihnen Medikamente, um ihre Einsichten zu dämpfen, denn die Welt ist unerträglich. Ein sensibler Mensch kann nicht in dieser Welt leben. Oder er lebt mühevoll und schlecht. Das war bei mir der Fall. Also zuerst war es eine Therapie. Hinzu kam ein Ekel vor dem Geschwätz. 30, 35 Jahre lang hatte ich Theaterstücke geschrieben. Es redete und redete und redete. Zuletzt ekelten mich die Wörter an. Also brauchte ich das Schweigen. Und jetzt bin ich im Schweigen. Außer, wenn ich mit Ihnen spreche.