„Wenn ich jemals feindselig war, dann gegenüber der Dummheit und gegenüber der Verletzung von Menschenrechten.”

Quelle und weitere Zitate

Comme c‘est curieux: Konformisten und Ionesco

Eugène Ionesco hatte schon lange vor seinem Tod erkannt, dass seine Stücke von kommenden Generationen im Grunde neu geschrieben werden. In der Rowohlt-Biographie (S., 147) wird er diesbezüglich wie folgt zitiert:

„Stücke werden nicht von Autoren geschrieben, sondern von kommenden Generationen. Ich kann nicht voraussagen, ob meine Sensibilität und die der späteren Generationen übereinstimmen wird. Die späteren Generationen schreiben immer ein Stück, das auf dem des Dramatikers fußt, aber auf viele Arten vom ursprünglichen Werk abweicht.“

Meine Beobachtungen der letzten Jahre haben allerdings ergeben, dass so einige Bezüge zu den Werken Eugène Ionescos, insbesondere zu seinem Drama „Die Nashörner“, nicht einmal mehr auf dem Geiste des Werkes fußen. Den vorläufigen Höhepunkt durfte ich dieser Tage über eine Regionalzeitung erfahren. Ein kleines Theater führte „Die Nashörner“ auf und hat es geschafft, bei der Auseinandersetzung mit einem Künstler, der immer wieder vor Ideologien warnte, gleich zwei konformistischen Zuspitzungen unserer Zeit auf den Leim zu gehen. Im Einzelnen:

Übertreibung einer Idee / Orte der Beflaggung

In der aktuellen Aufführung von „Die Nashörner“ wurde mit den Farben der Regenbogenfahne das Grau der Dickhäuter kontrastiert. Am Ende des Stückes, so auch der Untertitel eines Fotos in der Zeitung, waren nur noch Behringer und Daisy bunt. Die Regenbogenbewegung ist wohl eines der schillerndsten aktuellen Beispiele für eine ursprünglich gute Idee, die – wie Ionesco es ausdrückte – maßlos wurde. Der Dramatiker sagte dazu in Bekenntnisse, Seite 20:

„Ich habe Kollektivwahrheiten immer misstraut. Ich glaube, eine Idee ist wahr, wenn sie sich noch nicht durchgesetzt hat; im Augenblick der allgemeinen Bestätigung wird sie maßlos. In dem Augenblick beginnt der Missbrauch, die Bejahung der Idee wird übertrieben, und dadurch wird sie verfälscht.“

Es ist bestimmt kein Zufall, dass es auch für diese Übertreibung analog zum ebenfalls gut gemeinten, aber leider so oft entarteten Nationalismus eine Flagge gibt, hinter der man sich zu versammeln hat. Eugène Ionesco hat den grundlegenden ideologischen Mechanismus früh gesehen und sagte Folgendes zur Entstehungsgeschichte von „Die Nashörner“ (Nouvel Obervateur, 25. Dezember 1982):

„Als ich mit 13 Jahren nach Rumänien zurückkehrte, um dort zu leben, war mein erster Kontakt mit der politischen Realität, mit anzusehen, wie ein Offizier des Königs Karl II. einen Bauern ohrfeigte, der seinen Hut nicht vor der Fahne des Landes abnahm. Ich habe seitdem eine unumkehrbare Abscheu, ein instinktives Misstrauen gegenüber jedwedem Ort der Beflaggung.“

Links-Rechts-Denke / Politische Scheuklappen

Die Regionalzeitung lässt in ihrem Bericht über die Aufführung keinen Zweifel an der politischen Zielrichtung: Es wird die Verwandlung der „lieben Mitbürger“ in „politische Geisterfahrer“ beklagt. Während Eugène Ionesco sich am Ende eines 84 Jahre währenden Lebens noch immer mit vielen Fragen plagte, hat man in den Redaktionen und auf den Theaterbühnen offenbar den Durchblick über richtig und falsch, gut und böse. Diese Entwicklung beobachte ich als Betreiber von ionesco.de nun schon einige Jahre. Bis vor etwa zehn Jahren wurde es wirklich sehr still um das Werk des Dramatikers. Kaum noch Erwähnungen, kaum noch Aufführungen. Dann prallten vor unser aller Augen relativ einseitige bis ideologische politische Konzepte immer deutlicher auf eine harte Realität. Die Wiederentdeckung der Stücke von Eugène Ionesco wirkte auf mich wie eine Verteidigungsstrategie von in den Prozess der Entmystifizierung geratenen Ideologien. Grob geschätzt wirkten mindestens 80 Prozent der Aufführungen, die ich über eine Art News-Ticker verfolgte, politisch motiviert. Man greift also für die Rettung von ideologischer Übertreibung auf Werke und Worte eines überzeugten Anti-Ideologen zurück, der die Ansicht vertrat, dass alle Überzeugungen im Grunde nur übernommene Parolen sind. Man will eine Kulturrevolution mit Eugène Ionesco verteidigen, der jedoch an den Bankrott aller Revolutionen glaubte.

Selbstverständlich läuft jede Gegenreaktion auf eine politische Übertreibung Gefahr, ebenfalls über das Ziel hinauszuschießen. Eugène Ionesco hat diesen offenbar menschlichen Mechanismus nicht nur beschrieben, sondern mehrfach persönlich erlebt. Er beklagte sogar ganz offen den Zyklus, die Manie der Revolutionen, die den Menschen nur noch tiefer in sein Elend stürzen. Sorgen und Befürchtungen diesbezüglich teile ich. Das ändert allerdings weder meine Ablehnung einer herrschenden Ideologie noch meinen Wunsch, wieder in ruhigere, unaufgeregtere und vor allem friedlichere Gewässer zurückzukehren, die man aus mir nicht verständlichen Gründen etwa zur Jahrhundertwende verlassen hat.

Mit diesem Themenkomplex ist auch die vollkommen aus dem Ruder gelaufene Links-Rechts-Denke angesprochen. Insbesondere die daraus abgeleitete Anti-Rechts-Hybris sollte dringend wieder versachlicht werden, sofern das bei den dahinter zu vermutenden Macht- und Geldinteressen überhaupt realistisch erscheint. Vielleicht helfen uns dabei ein paar Worte von Eugène Ionesco, dessen Biographie insbesondere durch rechtsextreme Auswüchse seines jeweiligen Umfeldes (Nationalsozialismus, Eiserne Garde) beeinträchtigt wurde, der aber auch als einer der wenigen Intellektuellen seiner Zeit die Augen vor dem Linksextremismus (Sowjetunion, DDR) und weiteren Varianten des Totalitären nicht verschloss. Im Gespräch mit Andrè Coutin hat Eugène Ionesco frei ausgesprochen, dass sich der Bezug des Stückes „Die Nashörner“ zur Zeit des Gesprächs zum Linksextremen hin bewegt hat obwohl es ursprünglich auf den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus basierte. („Wortmeldungen“, S. 30-33). Und in „Gegengifte“ (Bertelsmann, Werke 6, S. 426) lesen wir vom Dramatiker die folgenden Worte:

„Ich habe mehrere Freunde oder Ex-Freunde, die zur Linken gehören. Ich kann sie nicht mehr ertragen. 1940 waren sie rechts. Sie waren Kämpfer, kämpfen auch heute, aber auf der anderen Seite. Ich sage zu ihnen: » 1940 hättet ihr links sein sollen, heute müsstet ihr rechts sein. « Selbstverständlich marschieren sie lieber mit der Geschichte.“

So manches Mal habe ich mir schon die Frage gestellt, wo die Mitläufer, die „Mit-der-Geschichte-Geher“ unserer Zeit im Jahre 1933 gestanden hätten. Mehr als Vermutungen dazu sind allerdings kaum möglich.

Ich möchte diesen Beitrag mit einem weiteren Zitat von Eugène Ionesco beenden, das – sofern verinnerlicht – nahezu jedem von uns helfen sollte, dem Hang zu Extremismus, Konformismus, Mitläufertum oder kollektivem Wahn nicht nachzugeben.

„Nicht so zu denken wie die anderen, kann einen in eine sehr unangenehme Lage bringen. Anders denken als die andern, bedeutet ganz einfach, überhaupt zu denken. Die andern, die zu denken meinen, übernehmen in Wahrheit gedankenlos die gängigen Slogans, oder aber sie sind Opfer von verzehrenden Leidenschaften, die sie nicht analysieren wollen. Warum weigern sich diese andern, die Systeme von Klischees, die Kristallisationen von Klischees, aus denen ihre fix und fertige Philosophie besteht, wie Konfektionskleidung auseinanderzunehmen? In erster Linie natürlich, weil die gängigen Ideen ihren Interessen oder ihren Impulsen dienlich sind und weil dies ihr Gewissen beruhigt und ihr Handeln rechtfertigt. Wir alle wissen, dass man im Namen einer 'edlen, hochherzigen Sache' die abscheulichsten Verbrechen begehen kann. Auch gibt es sehr viele, die einfach nicht den Mut haben, auf Allerweltsideen und allgemein übliche Reaktionen zu verzichten. Das ist umso ärgerlicher, als beinahe immer der Einzelgänger recht hat. Nur eine Handvoll Menschen, zunächst verkannt und isoliert, verändert das Gesicht der Welt. Aber wie schnell wird aus einer Minderheit die Mehrheit. Und sobald aus den 'Wenigen' 'Viele' geworden sind, denen man blind folgt, ist der Moment gekommen, wo die Wahrheit verfälscht wird.“

(„Gegengifte“, Bertelsmann, Ionesco Werke 6, S. 423-424)

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