Eugène Ionesco und die künstliche Intelligenz
Seit nunmehr ein paar Jahren ist das Thema „Künstliche Intelligenz“ in aller Munde. Nach meiner Wahrnehmung reagieren die meisten Menschen mit großer Sorge oder großer Euphorie auf diese Entwicklung. Die Potenziale dieser neuen Technologie muten in der Tat gigantisch an, in positiver und negativer Hinsicht. Die einzige Sicherheit scheint im Moment zu sein, dass wir es nicht mit Mode oder vorübergehendem Zeitgeist zu tun haben. Wir sind eher Zeugen des nächsten logischen Schritts einer technologischen Revolution.
Vor diesem Hintergrund habe ich mich zuletzt häufiger gefragt, was Eugène Ionesco zu diesen Entwicklungen gesagt hätte. Gibt es möglicherweise Äußerungen, die uns Rückschlüsse auf eine Einschätzung ermöglichen? Enthalten diese Jahrzehnte zurückliegenden Wortmeldungen Denkanstöße für unsere Gegenwart?
Eugène Ionesco hat zu größeren Themen der Menschheit eine erstaunliche Weitsicht bewiesen. Vielleicht ist es schon deshalb keine schlechte Idee, ein paar seiner Zitate dem Thema „Künstliche Intelligenz“ zuzuordnen. Um dem Ganzen etwas Struktur zu geben, sollen die Wortmeldungen in „tendenziell negativ“, „neutral“ und „tendenziell positiv“ einsortiert werden.
Tendenziell negativ
Am Anfang steht das ‚dem Lebendigen aufgepflanzte Mechanische‘. Das ist komisch. Aber wenn es immer mechanischer und immer weniger lebendig ist, wird es erstickend, tragisch; denn wir haben den Eindruck, dass die Welt unserem Geist davonläuft.
Ich hatte dieses beängstigende Gefühl – wie ich Ihnen schon sagte – bei der Lektüre von Feydeaus Stücken. Diesen beängstigenden Eindruck, dass die Welt uns davonläuft, muss auch der Zauberlehrling haben. Vielleicht ist es auch ein Bild für das, was uns die nächste Zukunft bringen wird. Heute sind wir nicht mehr Herr über die außerordentlichen technischen Mittel, die wir losgelassen haben. Unser Planet kann in die Luft gehen … scheint es.
– Bekenntnisse – Nach Gesprächen aufgezeichnet von Claude Bonnefoy, S. 98
Ich habe den Eindruck, dass die Welt selbst wie eine Maschine in Unordnung geraten kann.
– Bekenntnisse – Nach Gesprächen aufgezeichnet von Claude Bonnefoy, S. 98
Keiner ökonomischen oder politischen Revolution ist es gelungen, diese existenzielle Tragikomödie aus der Welt zu schaffen. Ich glaube an den unabwendbaren Bankrott der Revolutionen; sie stoßen den Menschen nur tiefer hinein in sein Unglück.
– Antidotes, Kapitel "Über Beckett", 1977
Neutral
Wenn wir alles wissen werden oder wissen würden, wären wir der Erkenntnis noch immer nicht näher. Wer bringt dies alles in Bewegung? Was für ein Wesen steht hinter den Dingen? Das Universum erscheint wie ein in Unordnung oder vielleicht auch in Ordnung befindliches Sammellager, bewegliche Körper, die in den ungeheuren Raum geschleudert wurden; aber wer hat sie geschleudert, und was ist das, was ich Raum nenne, was mir als Raum erscheint? Doch selbst wenn ich eines Tages die Gesetze ihres Laufs, wenn ich die Regelung der Bewegungen kenne und weiß, wie über Wesen und Dinge verfügt wird und wie gewisse Mutationen, Transformationen und Befruchtungen vor sich gehen, selbst wenn ich alles das weiß, dann werde ich höchstens gelernt haben, mich mehr oder weniger gut in diesem riesigen Bagno, in dem erdrückenden Gefängnis, in dem ich lebe, zurechtzufinden. Was für eine Farce, was für eine Falle, was für eine Bauernfängerei! Wir sind als Betrogene geboren. Denn wenn man nicht erkennen darf, wenn man nicht erkennen kann, warum dann dieses Begehren nach Erkenntnis?
– Eugène Ionesco, Tagebuch, Werke 5, Verlag Bertelsmann, S. 310
Heutzutage ... verwischt sich die Person mit der Funktion, vielmehr ist die Person versucht, sich mit der Funktion ganz zu identifizieren. Nicht so, dass die Funktion ein Gesicht erhielte, sondern der Mensch entmenschlicht sich, verliert sein Gesicht.
– "Bekenntnisse", 1969, S. 13
Tendenziell positiv
Die Leute wissen nicht, dass sie hartnäckig dumm darin fortfahren, die Phantasie gefangen zu nehmen und in den blinden Mauern des engsten Realismus einzusperren, eines Realismus, der tot ist und den sie das Leben nennen; der finster ist und den sie das Licht nennen. Ich behaupte, dass es der Welt an Kühnheit fehlt. Darum haben wir zu leiden. Ich behaupte auch, dass es Traum und Phantasie sind, die nach Kühnheit verlangen, und nicht das flache Leben. Dass Traum und Phantasie elementare und wesentliche Wahrheiten enthalten und eröffnen. Wenn Flugzeuge heute den Himmel durchziehen, so nur deshalb, weil wir vom Flug geträumt haben, bevor wir geflogen sind. Der Traum vom Fliegen hat uns das Fliegen ermöglicht.
– Notes et contre-notes, S. 210-213
Phantasie ist nicht Ausflucht. Sich etwas vorstellen, das heißt eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.
– Bekenntnisse – Nach Gesprächen aufgezeichnet von Claude Bonnefoy, S. 84.
Ideal gesehen sollten die Verwalter des Staates eine reine Ordnungsfunktion haben oder wie ein Computer arbeiten.
– Für Kultur, gegen Politik, S. 36
Jules Verne, der letzte seherische Schriftsteller. Was er ersann, ist Wirklichkeit geworden …
Zwei Wege sind möglich: Ersinnen, weil ersinnen voraussehen ist. Was man ersinnt, ist wahr, was man ersinnt, wird verwirklicht werden.
Die Literatur der Science-fiction wird Wirklichkeit oder ist es schon. Zweiter möglicher Weg: Das Wirkliche als etwas jenseits des Wirklichen betrachten, es nicht als surreal empfinden, sondern als ungewöhnlich, wunderbar, als areal. Realität des Irreellen, Irrealität des Realen.
– Tagebuch, Ionesco Werke 5, S. 290-291