Ionesco: Dichtung & Neurose, Leichtigkeit & Schwere
„Ich glaube, dass die Dichtung immer Neurose ist. Ohne Neurose keine Literatur. Gesundheit ist weder poetisch noch literarisch. Sie gestattet auch keinen Fortschritt: sie verlangt 'nichts Anderes, nichts Besseres'. Ist diese 'Neurose' nun bezeichnend oder repräsentativ für eine Tragödie der Menschheit (ist der Mensch nicht das 'kranke Tier'?), oder ist sie ein Einzelfall? Als Einzelfall beansprucht sie bestimmt weniger Interesse. Wenn die Neurose eine metaphysische Not bezeichnet, oder wenn sie der Widerhall psychologischer Bedingungen ist, für die nicht der Schriftsteller, sondern objektive Realitäten verantwortlich sind, dann kann sie eine gewaltige Bedeutung beanspruchen, die man unbedingt untersuchen muss.
So lässt sich vielleicht das Thema der unglücklichen Lebensbedingungen – jedenfalls bei mir, ja, und bei anderen auch – durch Schwere und Unbeholfenheit ausdrücken. Das ist Psychologie des Individuums. Nur steht die Psychologie des Individuums in einem menschlichen Kontext, einer außergesellschaftlichen und außergeschichtlichen Situation, aber auch in einem geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext. Vielleicht rührt diese Schwere, diese Lebensschwierigkeit vom sogenannten Totalitarismus, Kollektivismus, von der Menge, Masse oder eben von dem 'unmöglich zu lebenden modernen Leben' her. Oder vielleicht ist der Totalitarismus selbst die Schwere, die Lähmung, die Bedrückung, die wir in der gegenwärtigen Welt erleiden, und die wir ihr zurückgeben: die Menschen sondern die Tyrannei, die Beklemmung ab. Ich glaube, es gibt in der Welt Augenblicke der Leichtigkeit: Perikles, die Renaissance, und Augenblicke der Schwere: Stalinismus und Neostalinismus, Faschismus von 'Rechts' oder von 'Links', Kollektivierung, aber auch Superkapitalismus, Etatismus, Nationalismus … „
„Bekenntnisse – nach Gesprächen aufgezeichnet von Claude Bonnefoy“, Verlag der Arche, S. 32-33
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