Lektüre jenseits Ionesco – und doch so nah dran
Im Folgenden möchte ich etwas Literatur Revue passieren lassen, die mich seit Ende der 80er Jahre begleitet hat. Bei einem spontanen Streifzug durch die Bücherregale musste ich feststellen, dass so einige Werke trotz ihres Alters erstaunlich aktuell wirken und teilweise eine Nähe zu Themen und Gedanken aufweisen, die auf der Website ionesco.de verarbeitet werden. Eine durchaus illustre Auswahl dieser Bücher möchte ich hier mit wenigen Anmerkungen und Zitaten vorstellen, darunter auch eine recht aktuelle Veröffentlichung. Einen werblichen Hintergrund gibt es nicht. Die meisten vorgestellten Werke dürften ohnehin nur noch in Antiquariaten zu finden sein.
Das Buch der Werte – Wider die Orientierungslosigkeit in unserer Zeit
Jahr: 1995
Herausgeber: Friedrich Schorlemmer
Verlag: Bertelsmann Club GmbH
Wie häufig habe ich in letzter Zeit an die glücklichen 90er Jahre zurückgedacht. Und nun lese ich schon im Titel dieses rund 500 Seiten starken Werkes von der Orientierungslosigkeit jener Zeit. Was mich zu der Frage führt, ob es jemals Zeiten der gesicherten Orientierung gab. Eugène Ionesco hat uns attestiert, nicht nur durch unsere Gesellschaften entfremdet zu sein, sondern bereits durch unsere Geburt. Vielleicht ist tatsächlich eine tiefere, unbewusste Orientierungslosigkeit Folge unseres „Hineingeworfenseins“ in eine Welt ohne Erklärung. Und dennoch hat der Mensch immer wieder Orientierung gefunden, wurde dabei aber so manches Mal hinter die Fichte geführt. Denn auch so manche Ideologie sah hier ein vielversprechendes Betätigungsfeld.
Wir müssen dem Titel dieses Werkes die besondere Situation der frühen 90er Jahre zu Gute halten. Es war nicht nur eine Mauer gefallen, sondern eine global sehr verbreitete Ideologie brach in sich zusammen. Intellektuelle, die sich in diese Utopie verrannt hatten, waren maximal irritiert. Die in dieser Ideologie freiwillig oder unfreiwillig gebundenen Menschen fragten sich, was das für sie persönlich und ihre Gesellschaften nun bringen wird.
Die Stärke dieses Buches entfaltet sich in Aufbau und Inhalt. Zudem strahlt es eine weitgehende ideologische Neutralität aus, die man aus der Perspektive des Jahres 2026 nur als erfrischend bezeichnen kann. Entsprechend kommen hier auch keine aufgeblasenen Moralapostel zu Wort, wie sie unsere Zeit in bemerkenswerter Quantität und Lautstärke hervorbringt. „Das Buch der Werte“ spannt einen Bogen von Platon über die Zehn Gebote, Shakespeare bis hin zur Rede des damals über Parteigrenzen hinweg hoch angesehenen Bundespräsidenten zum 40-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Es macht deutlich, woher die tiefe Verwurzelung von Werten stammt: Religion und/oder tiefgründige Philosophie. Die Wertediskussion unserer Zeit erinnert hingegen mehr an einen nie wirklich Wurzeln bildenden saisonalen Rollrasen. Eugène Ionesco sagte dazu: „Moral besteht nicht, wie man gewöhnlich glaubt, aus Regeln, die jede Gesellschaft aufstellt und die nicht mehr gelten, wenn diese Gesellschaft sich auflöst. …“.
Wilhelm Busch – Ausgewählte Werke
Jahr: 1988
Herausgeber: Gerd Ueding
Verlag: Reclam
In meiner Kindheit war der Dichter und Zeichner Wilhelm Busch noch sehr präsent. Zumindest „Max und Moritz“ kannte wirklich jeder. In den Generationen davor dürften Bekanntheit und Popularität noch größer gewesen sein. Wilhelm Busch brachte den Menschen nicht etwa belanglose Unterhaltungsgeschichten, sondern Botschaften über das Leben und seine Härte. Über Regeln und Schlawiner. Über Gut und Bös. Und so muss ich sicherlich nicht näher ausführen, warum mich folgendes beispielhaftes Gedicht aus diesen gesammelten Werken ein wenig an Eugène Ionesco denken lässt.
„Nicht artig“ (Seite 476)
Man ist ja von Natur aus kein Engel,
Vielmehr ein Welt- und Menschenkind.
Und rings umher ist ein Gedrängel
Von solchen, die dasselbe sind.
In diesem Reich geborner Flegel,
Wer könnte sich des Lebens freun,
Würd es versäumt, schon früh die Regel
Der Rücksicht kräftig einzubläun.
Es saust der Stock, es schwirrt die Rute.
Du darfst nicht zeigen, was du bist.
Wie schad, o Mensch, daß dir das Gute
Im Grunde so zuwider ist.
Wir haben die Wahl – Freiheit oder Vater Staat
Jahr: 2011
Autor: Kurt Biedenkopf
Verlag: Propyläen
Nachdem der eine oder andere Beitrag der Rubrik „à propos“ kein allzu gutes Haar an der Politik ließ, ist es nun an der Zeit, einen Politiker der alten Schule zu Wort kommen zu lassen. Dieses Buch von Kurt Biedenkopf ist tatsächlich nun schon fünfzehn Jahre alt, aber es könnte genauso gut aktuell in den Bestsellerlisten stehen. Es handelt sich um nicht weniger als eine Ode an die Freiheit, eine Hommage an das eigentlich sehr erfolgreiche, aber kaum mehr beherzigte Prinzip der Subsidiarität, eine Absage an die Schuldenorgien verantwortungsloser Politik, eine Warnung vor zunehmender staatlicher Bevormundung. Dass ausgerechnet ein Politiker Eugène Ionesco in seiner Warnung vor dem Staat prinzipiell bestätigt, ist bemerkenswert. Der folgende Auszug aus dem Umschlag des Werkes bedarf im Grunde keines weiteren Kommentars:
„Der Sozialismus ist tot, es lebe die Planwirtschaft! Nach diesem Motto wird in Deutschland und in Europa Politik gemacht. „Vater Staat“ wird‘s schon richten – oder die Brüsseler Bürokratie. Statt bürgerliche Eigenverantwortung zu stärken, Grundlage jeder freiheitlichen Ordnung, nähren wir eine lebensferne, kostenfressende Staats- und Sozialbürokratie, die nicht zukunftsfähig ist. …“
Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral – Deutschland vor dem neuen Jahrhundert
Jahr: 1998
Autor: Helmut Schmidt
Verlag: DVA
Lassen wir mit Helmut Schmidt einen weiteren Politiker zu Wort kommen. Eugène Ionesco möge es mir verzeihen. Helmut Schmidt gehörte allerdings zu den Politikern, die ich gegenüber dem harten Urteil Eugène Ionescos vehement verteidigt hätte.
In diesem Buch thematisiert Helmut Schmidt etwas, was heute dem Anschein nach nicht mehr die geringste Chance hat, real zu werden. Die öffentliche Moral, die Helmut Schmidt sich als Ausweg aus dem schon damals grassierenden Pessimismus wünschte, muss man sich wohl als eine Art Wertekonsens großer Teile der Bevölkerung vorstellen. Eine Neuausrichtung von Rechten und Pflichten aller Bürger sah er als einen Schritt auf dem Weg in diese Richtung.
Seitdem sind fast dreißig Jahre vergangen und wir erleben heuer eine Spaltung der Gesellschaft, die 1998 wohl kaum vorstellbar war. Ein „Wir“ ist beim besten Willen nicht mehr zu spüren. Wenn vielleicht früher das Motto war, wie man ein eigenverantwortliches, bürgerliches Dasein aufbaut – das war zumindest in meinen jungen Jahren noch das oberste Ziel –, so ist es heute eher die Suche nach der besten Möglichkeit, auf Kosten anderer zu leben – ein nicht wirklich nachhaltiges Modell des Zusammenlebens.
Helmut Schmidt muss man attestieren, dass er seinen eigenen Berufsstand nicht geschont hat. Zu seinen treffsichersten Aussagen gehören die Ausführungen zu den sogenannten Funktionseliten. Er begründet auch sehr gut, warum er nicht von Eliten spricht, denn das einzig Herausragende sei bei gewählten Politikern zunächst einmal nur die Funktion. So mancher Politiker ist in der Vergangenheit über seine Funktion sogar hinausgewachsen. Aber das ist heute nur noch eine wehmütige Erinnerung. Besonders erwähnenswert ist ein eigentlich selbstverständlicher Satz von Helmut Schmidt, der aber selbst in hohen Regierungsämtern offenbar nicht mehr gilt: „Von allen Politikern ist eine abgeschlossene Berufsausbildung plus Berufspraxis zu verlangen.“ (S.62)
Die eindringlichste Warnung spricht Helmut Schmidt mit Blick auf die Entwicklungen der Jahre 1929-1933 schon in einer Kapitelüberschrift an: „III. Die Wirtschaft ist unser Schicksal“. Dass man daran aus ideologischen, machtstrategischen, opportunistischen Gründen schon seit Jahren nicht mehr denkt, dürfte noch schmerzhafte Folgen haben. Erstaunlicherweise sind aktuell die lautesten Warner vor Weimarer Zuständen nicht selten jene, die sich eifrig an der Demontage der Wirtschaftskraft des Landes, der Währungsstabilität und der marktwirtschaftlichen Anreizsysteme beteiligen.
Bürgerlichkeit als Lebensform – Späte Essays
Jahr: 2008
Autor: Joachim Fest
Verlag: Rowohlt
Von Joachim Fest stehen so einige Publikationen in meiner Bibliothek. Er wird in diesem Buch als begnadeter Stilist sowie bedeutender Publizist und Historiker bezeichnet. Berühmt geworden ist Joachim Fest in Deutschland mit seiner zweibändigen Hitler-Biographie. In den Jahren nach meiner Schulzeit wurde Joachim Fest zu einem meiner favorisierten Publizisten.
Das hier vorgestellte Buch enthält inhaltlich äußerst werthaltige Essays seiner späten Jahre, die sich schwerpunktmäßig um das Thema Bürgerlichkeit drehen. Das mag zunächst etwas abstrakt, banal oder gar abschreckend klingen. Aber es geht um nichts Geringeres als die Frage, was die Gesellschaft über viele Jahrzehnte zusammengehalten und zugleich ihre enormen kulturellen und wirtschaftlichen Ergebnisse ermöglicht hat. Joachim Fest hat Kritikern direkt den Wind aus den Segeln genommen, die naheliegender Weise einwerfen, ob nicht dieses Bürgertum vor Hitler versagt habe. Er bestätigt das nicht nur, sondern bewertet dieses Versagen als besonders schwerwiegend, fügt jedoch unmittelbar an, dass Hitler nicht das Desaster einer einzelnen Klasse, sondern aller gesellschaftlichen Gruppen und eines ganzen Kontinents war. An dieser Stelle möchte ich eine Verbindung zu Eugène Ionesco herstellen, der sich fragte, wie eine Moral ohne die Wiederbelebung spiritueller Werte überhaupt möglich sein soll. Hier könnte man Joachim Fest tendenziell einen argumentativen Vorteil attestieren. Deutschland war in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts noch nicht so säkularisiert wie heute. Und wir müssen festhalten, dass auch die christlichen Werte Hitler nicht aufhalten konnten oder wollten. Wer Religion als hinreichende Bedingung für die friedliche Koexistenz von Menschen betrachtet, dürfte auch in Zukunft vor bösen Überraschungen nicht gefeit sein. Eugène Ionesco war sich dessen bewusst, was so einige seiner Wortmeldungen belegen.
Die Ausführungen von Joachim Fest über das Wesen des Bürgertums, dessen Leistungen und Errungenschaften lassen sich hier kaum in der gebotenen Kürze zusammenfassen. Dafür sei jedem Interessierten insbesondere die Einleitung dieses Buches sehr zu empfehlen. Erwähnen möchte ich die Gefährdungen des Bürgertums, die Joachim Fest schon vor vielen Jahren sah und beschrieb – und die sich bis heute zugespitzt haben. Darunter fallen u.a. der politisch begleitete Niedergang der Familie als Keimzelle der Bürgerlichkeit, die Abwendung von Ehrgeiz, Exzellenz und Leistungswille, der Fokus auf Befreiung durch soziale Gruppenbildung und nicht mehr durch einen selbst. Joachim Fest hat dem Bürgertum einen unerschütterlichen Behauptungswillen attestiert: „Kurz, die bürgerliche Welt stirbt und lebt, indem sie stirbt. Es ist ihre spezifische Form der Selbstbehauptung, aus Untergängen Überlebenskräfte zu gewinnen und sich am eigenen Grabe Gesundheit zu besorgen.“ (S. 19) Da wir tatsächlich die Zivilisation stabilisierende Kräfte aktuell dringend benötigen, lesen sich die Ausführungen von Joachim Fest auch mit so vielen Jahren Abstand noch immer als Hoffnungsschimmer am Horizont.
Das große Heinz Erhardt Buch
Verlag: Bertelsmann Club GmbH
Nach so vielen ernsteren Tönen ist es Zeit, ein paar heitere Zeilen zu schreiben. Eugène Ionesco hat einmal gesagt, dass ohne Freiheit und ohne Humor kein Leben möglich ist. Entsprechend sind auch viele seiner Dramen bei aller Ernsthaftigkeit des Themas durchaus humorvoll. Und so möge nun einer unserer Großmeister des gepflegten Humors zu Wort kommen: Der unvergessene Heinz Erhardt. Der folgende Vierzeiler thematisiert die auch Ionesco zeitlebens plagende Vergänglichkeit und Sinnsuche in rekordverdächtiger Kürze.
Zu kurz (S. 266)
Kaum, daß auf diese Welt du kamst,
zur Schule gingst, die Gattin nahmst,
dir Kinder, Geld und Gut erwarbst –
schon liegst du unten, weil du starbst.
Das Deutsche Modell – Freiheitlicher Rechtsstaat und Soziale Marktwirtschaft
Jahr: 1990
Herausgeber: F. U. Fack, F. K. Fromme, G. Nonnenmacher
Verlag: Wirtschaftsverlag Langen
Dieses Buch ist auf der Grundlage von Beilagen der FAZ entstanden, mit der Zielsetzung, den Menschen in der soeben untergegangenen DDR das „Modell Bundesrepublik“ darzustellen und zu erklären. Zu den Autoren der Beiträge gehörten u.a. der Publizist Joachim Fest, die ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog und Richard von Weizsäcker, der bis heute hoch angesehene Verfassungsrechtler Prof. Dr. Rupert Scholz und der durch die späteren Steuerdiskussionen einem breiten Publikum bekannte Prof. Dr. Paul Kirchhoff.
Aus meiner heutigen Sicht hat sich um dieses wirklich fundierte und immer noch lesenswerte Werk eine gewisse Ironie gelegt, da doch so einige der hier thematisierten Fundamente des Staatswesens inklusive ihrer Verletzlichkeit nach meinem Eindruck nicht unbedingt von den damals neuen Staatsbürgern aus den Augen verloren wurden. Ein zentrales Thema ist auch hier – vergleichbar mit den Warnungen Eugène Ionescos vor dem Staat – die Gefahr des Machtmissbrauchs und des Machtfilz. Beispielhaft sei im Folgenden aus dem Beitrag „Macht ist notwendig, aber auch gefährlich – Die Gewaltentrennung als Verfassungsprinzip“ von Prof. Dr. Thomas Ellwein zitiert. Ich greife diese Passage heraus, weil ich noch unter dem Eindruck einer recht aktuellen Wortmeldung eines ranghohen Lobbyisten des deutschen Beamtentums stehe, der die Privilegien der Staatsdiener mit den Worten zu rechtfertigen suchte, das Beamtentum sei das Bollwerk der Demokratie. Wie abwegig diese Aussage ist, macht schon allein ein Blick in die Geschichte deutlich. Hat es beispielsweise im Übergang von Weimar zum Dritten Reich kein Beamtentum gegeben? Hier muss ich doch sehr deutlich an die Aussagen von Eugène Ionesco über die Obrigkeitsgläubigkeit und naive Loyalität seines Vaters denken, die in der Rubrik „à propos“ nachgelesen werden können. Schauen wir kurz, was Prof. Dr. Thomas Ellwein auf den Seiten 65-66 des Buches ausführt. Um kontextuellen Missverständnissen vorzubeugen, ist die Textstelle nicht weiter gekürzt:
„Gewaltenteilung behindert, wenn sie funktioniert, den Machtmissbrauch, verhindern kann sie ihn nicht. Was sie aber bewirken kann, ist dies: Machtmissbrauch kann aufgedeckt, dafür Verantwortliche können zur Rechenschaft gezogen werden.
Dabei tut Nüchternheit Not. Macht wird nicht schon missbraucht, wenn etwas geschieht, was einem selbst nicht passt. Demokratie bedeutet Mehrheitsherrschaft. In ihr kann es zu politischen Entscheidungen und Gesetzen kommen, die man ablehnt, weil sie den eigenen Interessen oder Überzeugungen zuwiderlaufen. Dennoch erträgt der Demokrat das, weil anders ein Leben im Staat nicht möglich wäre und weil die jeweilige Mehrheitsherrschaft nichts Endgültiges ist. Die nächste Wahl kann andere Verhältnisse schaffen; man kann dazu beitragen. Der Beitrag ist aber wiederum nur möglich, weil Macht verteilt ist, weil Regierung oder Mehrheit der Opposition den Mund nicht verbieten, Kritik in den Medien nicht unterbinden, den Gerichten keine Weisungen erteilen können.
Die gewaltenteilende Demokratie ist ein kunstvolles, aber auch verletzliches System. Zu Verletzungen kann es etwa kommen, wenn die Wahl über lange Zeit keinen Wechsel bringt und die herrschende Partei dann alle Mechanismen betätigen kann, welche dem Erhalt ihrer Macht dienen – in der Bundesrepublik gehören eine zu starke Bindung von Teilen der Beamtenschaft an die Regierungspartei oder deren übergroßer Einfluss auf eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt zu solchen Mechanismen. ...“
Mir scheint, der Aktualitätsbezug könnte kaum größer sein. Manchmal ist es vielleicht ratsam, einige Jahre zurückzugehen, um die heutigen Problem- und Fragestellungen aus einer etwas nüchterneren zeitlichen Distanz zu analysieren.
Johannes Paul II. – Erinnerung und Identität – Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtausenden
Jahr: 2005
Verlag: Weltbild
Die heutige junge Generation kann sich vielleicht nicht mehr vorstellen, welches Ansehen Papst Johannes Paul II. bei vielen Menschen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hatte. Es ist deshalb auch nicht allzu überraschend, dass sich Eugène Ionesco zum Ende seines Lebens an ihn wandte, auch wenn dieser Gesprächswunsch nicht erwidert wurde. Er war nicht nur ein Papst der klugen Worte, sondern auch der Taten. Wie er auf den Menschen zuging, der zuvor versuchte, ihn umzubringen, gehörte zum glaubwürdigsten Vorleben christlicher Werte, das ich je medial erleben durfte. Nicht zu vergessen ist allerdings, dass zu diesem Akt der Nächstenliebe und des Vergebens immer zwei gehören. Wie gehen wir um mit dem Bösen, das sich weder zur Einsicht noch zur Buße bereit zeigt? Eugène Ionesco hat diese schwierige Thematik u.a. in „Mörder ohne Bezahlung“ thematisiert.
Wenn ich das Thema des Buches zusammenfassen müsste, fiele meine Wahl auf „Werte und Moral im Spannungsfeld zwischen Spiritualität und Säkularismus“. Auch Eugène Ionesco hat sich häufig mit der Frage auseinandergesetzt, wie eine Moral ohne Wiederaufleben von Spiritualität möglich sein kann. Die Lektüre dieses Werkes erweitert diesbezüglich noch heute den Horizont. Im Klappentext steht u.a. „Ein Buch, das Hoffnung schenkt und Mut macht – voller Demut, Güte und Weitsicht. Es zeigt den heiligen Vater als umfassend gebildeten Denker, der persönliche Erfahrung und weltgeschichtliche Analyse meisterhaft zu verbinden weiß“.
Um die Bandbreite dieses Buches zu verdeutlichen, seien hier nur die Kapitelüberschriften aufgeführt:
1. Die dem Bösen gesetzte Grenze
2. Freiheit und Verantwortung
3. Gedanken über den Begriff „Vaterland“
4. Gedanken über „Europa“
5. Demokratie – Chancen und Risiken
Ein Apfel ist an allem Schulden – Gebrauchsanweisung für die Zehn Gebote
Jahr: 1994
Autor: Ephraim Kishon
Verlag: Langen Müller
Der Schriftsteller und Satiriker Ephraim Kishon hat sich in diesem Werk auf ebenso humorvolle wie bissige Weise mit der Schöpfung, der Bibel und dem Menschen beschäftigt. Wenn Eugène Ionesco nicht ausgerechnet im Jahre der Veröffentlichung gestorben wäre, hätte er sicherlich Freude daran gehabt. Kishon hat Humor eine vergleichbar hohe Bedeutung zugesprochen wie Ionesco: „Humor ist Gottes schönste Gabe und bringt die Menschen dem Universum näher.“, lässt der Autor über den Klappentext wissen. Anders als der französische Dramatiker widmet Kishon sich nicht der grundsätzlichen Schöpfungskonzeption, sondern er schaut sich an, was Gott nach dem fünften Tag fabrizierte (S. 16):
„In der Bibel steht demnach fast alles, nur nichts Gutes über den menschlichen Charakter. Man wird den Eindruck nicht los, dass Gott der Herr ziemlich schnell den Konstruktionsfehler erkannte und daraus weitreichende Konsequenzen zog. Es ist gewiss kein Zufall, dass während der ersten fünf Tage Gott der Herr nach jedem neuen Schöpfungsakt sah, „dass es gut war“, und Er lediglich, als Er den Menschen geschaffen hatte, auf diesen Kommentar verzichtete.
Intuition? Wer weiß.
Auf alle Fälle kann man die Erklärung des Herrn, den Menschen nach seinem Bild geschaffen zu haben, eigentlich nur als scharfe Selbstkritik interpretieren. ...“
Und so geht es heiter weiter bis Ephraim Kishon sich nacheinander den Zehn Geboten widmet. Schauen wir nur mal beispielhaft, auf die ersten Sätze zum gefühlt wichtigsten Gebot (S. 167):
„Kein Zweifel, hier haben wir es mit dem elementarsten, ja mit dem unerlässlichsten Gebot zu tun, das Moses erlassen hat. Ohne das Fünfte Gebot wäre das Überleben der menschlichen Rasse vermutlich in Frage gestellt worden, denn Onkel Kains Erben lernten überraschend schnell, wie praktisch Töten ist, wenn jemand eine andere Meinung hat. Wie weise war Gott doch, dieses Gebot als das fünfte in die Mitte zu stellen, um so seine Hauptrolle in der Geschichte zu unterstreichen.
Ein Glück nur, dass der Herr nicht ins Kino geht. …“
Zurück zur Normalität – Mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand
Jahr: 2025
Autor: Norbert Bolz
Verlag: LMV
Dieses recht aktuelle Werk des Medien- und Kommunikationswissenschaftlers Norbert Bolz will Mut machen für eine Rückkehr zu bürgerlicher Normalität. Norbert Bolz nennt die verschiedenen ideologischen Irrwege ohne Umschweife beim Namen, beleuchtet ihre Durchsetzungsmethodik und legt die verheerenden Folgen dar: Gesellschaftliche Spaltung, ein geradezu nihilistisches Toleranzverständnis, eine mehr und mehr kollektivistische Auffassung von Gesellschaft, Verunsicherung ganzer Generationen, Zukunftspessimismus, wirtschaftlicher Abstieg – um nur einige Beispiele zu nennen.
Norbert Bolz ist mit dieser Botschaft recht nah am oben vorgestellten Werk von Joachim Fest, der allerdings 2006 im Alter von 79 Jahren gestorben ist und somit den zuletzt dramatischen Niedergang bürgerlicher Werte nicht mehr erlebt hat. Wenn sie sich auch stilistisch deutlich voneinander unterscheiden, ist beiden gemein, dass sie die Zuversicht verbreiten und auch belegen, dass sich die Bürgerlichkeit „am eigenen Grab wieder Gesundheit verschafft“, wie Joachim Fest es ausdrückte. Und zwar nicht nur für sich selbst, sondern für ein Gemeinwesen, das viele Jahrzehnte und noch bis heute von den Früchten der „Bürgerlichkeit als Lebensform“ profitiert hat.
Wenn ich abschließend noch einmal einen Bogen zu Eugène Ionesco spanne, dann deshalb, weil er alle Menschen, die sich aus zunächst nachvollziehbaren Gründen gegen subjektiv empfundene Fehlentwicklungen und Missstände engagieren, immer wieder an die Gefahr erinnerte, über das Ziel hinauszuschießen, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Auch muss ich immer wieder an seinen herausragenden Essay denken „Das Wagnis, anders zu denken als die Anderen“. In die von Ionesco beschriebene Falle der uns allen innewohnenden verzehrenden Leidenschaften tappt Norbert Bolz meines Erachtens an keiner Stelle des Buches. Er bleibt sachlich, analytisch und argumentiert durchgehend „mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand“.