„Wenn ich jemals feindselig war, dann gegenüber der Dummheit und gegenüber der Verletzung von Menschenrechten.”

Quelle und weitere Zitate

Über Kollektivwahrheiten und Maßlosigkeit

Eugène Ionesco hat vor vielen Jahren etwas ausgesprochen, was mich insbesondere heute magisch verfolgt. Ionesco sagte, er habe Kollektivwahrheiten immer misstraut. Denn jede im Kern richtige Idee tendiere mit zunehmender Gefolgschaft zur Maßlosigkeit, zum Missbrauch, zu ihrer Verfälschung. Meine persönliche Wahrnehmung ist, dass nicht wenige dieser Maßlosigkeiten früher oder später ideologische Züge aufweisen. Dann formt sich Widerstand gegen diese Ideologie, der so maßlos wird, dass die nächste Ideologie entsteht. Die Anhänger dieser neuen Ideologie nehmen in der Regel gar nicht mehr wahr, dass auch sie zu engstirnigen Ideologen geworden sind. Man kann heutzutage kaum in die Zeitung oder ins Internet schauen, ohne Hinweise auf dieses Muster zu finden.

Eine dieser guten Ideen ist die Rolle der Parteien im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Demgemäß sollen diese bei der politischen Willensbildung des Volkes „mitwirken“. Das klingt nach einer zurückhaltenden Rolle. Im Grunde wie die eines guten Schiedsrichters im Fußball, der eigentlich am besten ist, wenn man ihn nicht bemerkt. Die Realität hat sich leider gänzlich anders entwickelt. Gewonnene temporäre Wählermandate werden meinem Eindruck nach nicht mehr zuvorderst demütig als Aufgabe und Verpflichtung verstanden, sondern als mehrjährige Machtposition mit dem Ehrgeiz, diese persönlich oder für Partikularinteressen auszunutzen und längerfristig abzusichern. Schnell war der Typus des „Parteisoldaten“ geboren, ein der Partei ergebener Diener. Und möglichst viele dieser Soldaten wurden bei der Besetzung gesellschaftlicher Schlüsselpositionen (insbesondere Verwaltung, Schulwesen, Medien) geschickt platziert. Diese Machtspiele haben leider auch vor der im Grundgesetz verankerten Gewaltenteilung nicht Halt gemacht. So haben wir zwar getrennte Institutionen für Exekutive, Legislative und Judikative. Aber was ist diese Trennung wert, wenn der Parteisoldat allgegenwärtig ist? Aktuell gibt es eine wohl nicht unberechtigte Diskussion, ob ein Kopftuch im Gerichtswesen für Befangenheit steht. Aber Jahrzehnte schauen wir zu, wie ein Parteibuch Menschen innerlich korrumpiert. Wie gerecht fühlt sich ein Urteil an, das Richter mit Parteibuch über Verfehlungen von Parlamentariern mit Parteibuch fällen? In einem eher belanglosen Interview einer größeren deutschen Zeitung mit einer jungen Politikerin, das ich vor einer Weile las, konnte man es ganz offen lesen. Die Zeitung fragte, warum sie zu einem Thema nicht eine bestimmte Position beziehe. Darauf entgegnete sie, das wäre nicht gut für ihre Partei. Sie sprach aus, was ein guter Parteisoldat eigentlich für sich behält. So wird die Partei zum Selbstzweck und zur Gefahr für unsere Demokratie. Ich frage mich, wie viele unserer Probleme im Land sind eine indirekte oder direkte Folge genau dieses Missbrauchs einer im Kern sehr guten Idee? Würde eine Partei im Sinne des Grundgesetzes beispielsweise tatenlos zusehen, wie ausgerechnet Deutschland zum Import-Weltmeister für Antisemitismus wird, wie wichtige Anreizsysteme zerstört werden und sich eine seit Jahrzehnten bewährte, friedliche Solidargemeinschaft zersetzt? Würde eine gemäß den Vorstellungen des Grundgesetzes agierende Partei unser Sozial- und Wahlsystem für parteitaktische Manöver missbrauchen? Würde sie zusehen, wie aufgrund ihrer eigenen Verfehlungen immer mehr Menschen – ausgerechnet in Deutschland – radikalen Parteien ihre Stimme geben oder sogar die Demokratie in Frage stellen? Vielleicht bleibt noch eine Weile, um der Diskreditierung der guten Absichten der Parteiendemokratie entgegenzuwirken. Ich persönlich bleibe im Herzen Demokrat, bin aber mit Blick auf diese Entwicklungen in unserem Land nicht allzu optimistisch.

Auch die Corona-Pandemie hat gutes Anschauungsmaterial für unsere Maßlosigkeit bereitgestellt. Die Sorge vor Zuständen im Gesundheitswesen, die die verfassungsgemäße Würde des Menschen verletzen, war – soweit ich das beurteilen kann – sehr berechtigt. Aber schon mein erstes Beispiel, die Entartung des eigentlich gut gemeinten Parteienwesens, macht deutlich, dass es Kräfte gibt, die jede Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen verstehen. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als verständlich, dass es viele Bürger gab, die sehr genau hinschauten, dass die im Ansatz gute Idee nicht missbraucht wurde – sei es seitens der Politik oder der Wirtschaft. Aber was ist aus dieser wachsamen Bewegung geworden? Leider ein weiteres Extremum. Inzwischen werden von diesem sogar Menschen für dumm erklärt, die dieser kalten Tage wieder zur Schutzmaske greifen. Sie selbst scheinen sich als Baum der Erkenntnis zu betrachten. Diese Radikalisierung einer im Grunde berechtigten Wachsamkeit betrachte ich mit einer gewissen Fassungslosigkeit. Der Ionesco‘sche Mut zum Zweifel muss immer auch den Zweifel am Zweifel zulassen. Anders kann „Denken“ nicht funktionieren.

Ein weiteres gutes Beispiel für den Missbrauch einer guten Idee liefert das Thema Umweltschutz. Und hier ist es aufgrund der planetaren Tragweite besonders tragisch. In einem Artikel auf dieser Website über die möglicherweise erste missratene Revolution des Menschen habe ich versucht, der Sache selbst näher auf den Grund zu gehen. Dieses für uns überlebenswichtige und zudem ethisch bedeutungsvolle Thema ist inzwischen gekapert worden von Lobbyisten, Geschäftemachern, Gewalttätern, Radikalen, gerissenen Politikern, Ideologen, eigennützigen Organisationen, Dummköpfen. Selbst weltweite Klima- oder Umweltgipfel kann man kaum noch ernst nehmen. Erst dieser Tage musste ich wieder von einem solchen Gipfel lesen, der das Artensterben medienwirksam beweinte. Aber die Teilnehmer dieses Treffens waren nicht bereit, eine der Kernursachen beim Namen zu nennen: Überbevölkerung. Man kann es nur erspüren, wenn von dem immer kleiner werdenden Raum für die Pflanzen und Tiere dieser Welt die Rede ist. Das ist möglicherweise kein Zufall, denn den Hauptgrund will weltweit kaum jemand hören. Es betrifft ja unser ganz privates Glück, unseren einzigen unbestrittenen Daseinszweck: Fortpflanzung. Kein Politiker möchte sich dazu äußern, denn er hängt offenbar mehr an seinem lukrativen Mandat als an der Wahrheit. In einer großen deutschen Zeitung hat vor einer Weile ein Redakteur die Behauptung aufgestellt, dank der so oft bewiesenen menschlichen Genialität käme der Planet auch mit 20 Milliarden Menschen zurecht. Was nicht dazu passt, ist, dass schon 8 Milliarden jede Menge menschliches Elend, Kriege, Verteilungskämpfe, Entwürdigung von Natur und Umweltzerstörung bedeuten. Ein Gefühl von Genialität will nicht wirklich aufkommen. Ich empfinde es jedenfalls als eine unserer aktuell größten Tragödien, dass das Kernthema Umwelt & Klima von den denkbar miserabelsten „Anwälten“ durch Heuchelei und Stumpfsinn fundamental diskreditiert worden ist.

Nehmen wir noch ein letztes Beispiel für gute Ideen, die einen unglücklichen Weg nehmen: Der Pazifismus. Die Grundidee eines friedlichen Miteinanders dürfte unstreitig richtig sein. Wenn wir aber beispielsweise in Deutschland gegen Anfang der Achtziger Jahre den Vorstellungen der pazifistischen Bewegung gefolgt wären, also heute keinen atomaren Schutzschirm hätten, wäre die Bewahrung unserer freiheitlichen Ordnung wohl kaum möglich. Hätte die Ukraine einen solchen Schutzschirm gehabt, hätte es Butscha und den aktuellen Krieg vermutlich nicht gegeben. Und was wäre die Antwort des Pazifismus auf Adolf Hitler gewesen? Wenn man es ohne Umschweife sagen möchte: Ein Pazifismus, der nicht zumindest seine eigenen Werte mit geeigneten Mitteln zu verteidigen bereit ist, wird nicht lange überleben. Wer das nicht versteht, sollte sich vielleicht noch einmal mit den Grundlagen des menschlichen Wesens oder mit der Schöpfung im Allgemeinen beschäftigen. Wir wissen nicht, welches Land als nächstes bzw. welcher Diktator als nächster seinen Kampf gegen das Monster in sich selbst verliert und zu allem bereit ist, um mehr Macht zu erlangen. Maßloser Pazifismus kann also sehr schnell in ewigen Unfrieden umschlagen. Auf der anderen Seite wird das gegenseitige Bedrohen mit der ultimativen Vernichtung möglicherweise eines Tages genau zu dieser Vernichtung führen. Der Krieg in der Ukraine macht uns aber deutlich, dass unbedingter Pazifismus ganz sicher zur Vernichtung unserer Art zu leben oder unseres Lebens selbst führen würde. Aber viele Menschen scheinen zu vergessen, was uns neben zunehmendem Wohlstand die vielen friedlichen Jahrzehnte in Europa beschert hat, nämlich das Gleichgewicht des Schreckens. Der Mensch hat nicht nur den Trieb zum Töten in sich, sondern auch den Überlebensinstinkt. Wir sehen im aktuellen Krieg ziemlich genau, wie weit ein feiger Diktator geht. Wo es um seine eigene Existenz geht, wird er aller Voraussicht nach innehalten. Diktatoren wie Adolf Hitler und der religiös motivierte Terrorismus zeigen jedoch, dass auch diese Grenze fallen kann.

Eugène Ionesco hat einst gesagt, dass er diese Welt im Grunde nicht verstehen kann. Aber genau in diesem Nicht-Verstehen ist es ihm gelungen, mehr zu verstehen als die zahlreichen Welterklärer insbesondere unserer Zeit. Und so ist es ihm mit seiner Warnung vor den Kollektivwahrheiten gelungen, uns für unsere eigenen Irrwege zu sensibilisieren. Vielleicht ist auch diese Website und dieser Artikel hier einer dieser Irrwege. Halten wir für den Moment nur fest, dass das Denken nie enden sollte und Zweifel kein Zeichen von Schwäche sind – ganz im Gegenteil. Albert Camus soll einst auf die Frage, welche Partei er wählen würde, entgegnet haben, jene Partei, die nicht vorgibt, genau zu wissen, was das einzig Richtige sei.

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