„Wenn ich jemals feindselig war, dann gegenüber der Dummheit und gegenüber der Verletzung von Menschenrechten.”

Quelle und weitere Zitate

Wieviel Ionesco steckt in „Westworld“?

Wir machen im Folgenden einen für diese Website ungewöhnlichen Ausflug in die Populärkultur. Die aktuelle TV-Serie „Westworld“ baut die Spielfilmvorlage von Michael Crichton aus dem Jahre 1973 und den Nachfolger Futureworld (1977) zu einer gewaltigen Dystopie aus. Die Menschheit meint in ihrer Dekadenz, Gott spielen zu können, erschafft eine zunächst als Vergnügungspark gedachte Welt aus von Menschen kaum zu unterscheidenden Androiden, die aber schon bald die Menschheit selbst zu verschlingen drohen. Man kann diese kürzlich in ihrer vierten Staffel ausgestrahlte Serie auch als Action-Feuerwerk konsumieren. Aber die meisten Betrachter dürften bemerkt haben, dass die Serie einige ebenso brisante wie aktuelle Fragen in den Raum stellt.

Aus der Sicht dieser Website gehen wir der Frage nach, wieviel Ionesco in dieser Serie steckt. Die folgenden Ausführungen sind als Spurensuche zu betrachten. Wo auf Zitate von Eugène Ionesco Bezug genommen wird, sind die Quellen auf der entsprechenden Seite dieser Website nachzulesen.

Die letzte gescheiterte Revolution

Eugène Ionesco hat im Interview mit Ulrich Wickert beklagt, dass die Menschen insbesondere in den zurückliegenden zweihundert Jahren eine Revolution nach der anderen machen, die alle schrecklich enden. Wir werden bei nächster Gelegenheit einen genaueren Blick darauf werfen, welche Revolutionen Ionesco gemeint haben könnte. Aber es besteht kein Zweifel, dass wir in der Fiktion von „Westworld“ die möglicherweise letzte Revolution der Menschheit sehen. Im Mittelpunkt steht hierbei die Technologie. Der Mensch macht große Fortschritte in der künstlichen Intelligenz, erschafft Androiden, die von Menschen kaum noch zu unterscheiden sind, versäumt es aber, die sich daraus ergebenden Fragen der Ethik oder zumindest die Frage der Selbsterhaltung hinreichend zu klären. Man ergötzt sich an Ideen der Kommerzialisierung, am Wunsch, als Menschheit die nächste große Errungenschaft zu verbuchen, und an naiver Technikgläubigkeit. Wir erleben in „Westworld“ eine Alternative zum technologischen Verhängnis, das einst mit Robert Oppenheimer begann und uns bis heute und vermutlich bis zum Ende aller Tage beschäftigen wird.

Zwischen Fantasie und „Gott spielen“

Eugène Ionesco sagte einmal, Fantasie sei nicht Ausflucht. Sich etwas vorzustellen sei in etwa wie das Schaffen einer neuen Welt. Im Interview mit Ulrich Wickert offenbarte er, dass er immer auf der Suche nach einer neuen Welt sei. Er sah in unserer Schöpfung einen grundlegenden Konzeptionsfehler, der der Menschheit bis heute zu schaffen macht. Eine neue Welt zu denken, war für ihn so eine Art Hoffnungsschimmer. Aber Ionesco war Humanist. Und er suchte Zeit seines Lebens einen Zugang zu Gott. Einen Vergnügungspark wie in „Westworld“ hätte Ionesco wohl als den Höhepunkt der Entmenschlichung empfunden, als Höhepunkt auch der Dekadenz der Menschheit. Diese neue Welt dürfte nicht das sein, was Ionesco vorschwebte. Er wollte raus aus dem Tötungszyklus unserer Schöpfung, keine lebensnahe Simulation für Machtspiele. Wenn Wesen, deren Existenz auf Dominanz, Macht, Verdrängung und Tötung getrimmt ist, eine neue Welt „programmieren“, so hat diese kaum Chancen, besser zu sein als die ursprüngliche Welt. In der Serie drückt es einer der beiden Erschaffer der Androiden, Dr. Robert Ford, so aus: „Man kann nicht Gott spielen, ohne mit dem Teufel zu paktieren.“

Der Mut zum Zweifel

Ein Kern des Ionesco‘schen Denkens ist der Zweifel. Das Infragestellen. Die Serie „Westworld“ spielt mit dieser Haltung, interessanterweise aus der Perspektive der Androiden. Diese sind so programmiert, das Wesen ihrer Realität nicht in Frage zu stellen, erleben aber mit fortschreitender Handlung ein Erwachen, erlangen ein Bewusstsein. Zu Beginn sehen sie nur das Schöne, die Ordnung. Aber peu à peu bricht diese Weltsicht zusammen. In der Serie drückt sich der Wandel am Beispiel des Androiden Dolores wie folgt aus: „Ich weiß nicht. Aber diese Welt… Ich denke, da stimmt etwas nicht mit dieser Welt. Dahinter versteckt sich irgendwas. Entweder das, oder mit mir stimmt etwas nicht. Ich verliere vielleicht meinen Verstand.“ Man kann es nur vermuten, aber hier könnte der Drehbuchautor auf eine geschickte, indirekte Weise den Menschen den Spiegel vorgehalten haben. Auch Menschen werden auf eine gewisse Weise „programmiert“. Sie werden in Verhältnisse hineingeboren, die sie zunächst einmal als Normalität erleben, als Abbild der ganzen Welt. Sie unterliegen Einflüssen von Eltern, Verwandten, Freunden, Bekannten, der Schule, des Arbeitsumfeldes, der Gesellschaftsform ihres Landes. Es kommen Einflüsse der medialen Umwelt hinzu. Die große, lebenslange Herausforderung besteht darin, ein eigenständiges Denken zu etablieren und zu erhalten, den Mut zum Zweifel aufzubringen und diesen nie zu verlieren. Sowohl für die Androiden in der Serie als auch für die Menschheit in der Realität ist der Lohn für die Erlangung des Bewusstseins der gleiche: die Freiheit. Das Risiko hat der Android Dolores wie oben schon erwähnt auf den Punkt gebracht: „Ich verliere vielleicht meinen Verstand.“ Die Alternative dazu ist ein wenig selbstbestimmtes Dahinvegetieren in scheinbarer Freiheit. Der bereits erwähnte fiktionale Erschaffer von „Westworld“, Dr. Robert Ford, lässt in einer Antwort auf die Frage eines Androiden, worin denn der Unterschied bezüglich Schmerz und Bewusstsein zwischen Mensch und Android läge, eine Sichtweise auf die Realität erahnen: „Wir können Bewusstsein nicht definieren, weil so etwas gar nicht existiert. Die Menschen glauben gerne, dass ihre Sicht auf die Welt etwas Besonderes wäre. Und dennoch leben wir in Schleifen, in so kurzen und so geschlossenen wie die Hosts (Androiden) auch. Wir hinterfragen unsere Entscheidungen nur selten, sind meist zufrieden damit, wenn uns ein anderer den nächsten Schritt vorschreibt. Nein, mein Freund, du verpasst da wirklich gar nichts.“

Auf der Suche nach Bestimmung in einer sinnlosen Welt

Eugène Ionesco hat häufig die Sinnlosigkeit der Welt beklagt. Er hat sie als undurchsichtigen Klotz wahrgenommen, den er nicht verstehe. Und er glaubte auch, dass es nichts zu verstehen gebe. Auch die Serie „Westworld“ dreht sich um den Sinn unseres Daseins. Wieder einmal sei der fiktive Charakter des Dr. Robert Ford zitiert, der einem Androiden seines Parks eine traurige Geschichte aus seiner Kindheit erzählt, eine Parabel. Er erzählt, die Familie habe einen Windhund gehabt, der sein ganzes Leben in Rundrennen einem Stück Fell nachjagte. Eines Tages sei der Hund beim Spaziergang entwischt und habe eine Katze gejagt und getötet. Er habe dann verwirrt über dem zerfetzten Tier gesessen. Ein Leben lang habe er das Stück Fell schnappen wollen. Und jetzt wusste er nicht, was er damit machen sollte. Eine Parabel auf die Sinnsuche im Allgemeinen sowie auf das Streben nach Errungenschaften durch die Menschheit. Eine andere zentrale Figur der Serie, der schwarze Cowboy „William“, fragt sein androides Gegenüber: „Wieso existierst du? Die Welt da draußen, die du nie sehen wirst, ist voller Überfluss. Eine fette, weiche Brust, an der die Menschen ein Leben lang hängen. Alle Bedürfnisse werden gestillt. Bis auf eines: Bestimmung.“ Wir erleben hier den Blick auf eine Welt, in der der Einzelne über die Spaß- und Unterhaltungsgesellschaft die Sinnfrage ausblendet, sich quasi betäubt, oder der nächsten großen Sache nachjagt, die die Menschheit vermeintlich ein Stück weiter bringt. Aber Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Entdeckung neuer Planeten, Verlängerung des Lebens oder gar Abschaffung des Sterbens – das alles wird keinen Sinn stiften, keine Bestimmung schaffen. Wahrscheinlich steht am Ende eher die fragende Haltung des oben erwähnten Windhundes: „Und jetzt?“. Nicht ganz unwahrscheinlich enden wiederum die „großen Sachen“ mit großen, neuen Problemen. Auch keine der wahnwitzigen Ideologien, die von Menschen geschaffen wurden, hat das Vakuum füllen können. Die Wirkung von Religionen lässt ebenfalls nach. Vor diesem Hintergrund wirkt die Schaffung eines Vergnügungsparks wie „Westworld“ geradezu konsequent, aus einer zynischen Perspektive.

Wann ist der Mensch ein Mensch?

Eugène Ionesco hat sich in seinen Theaterstücken und an vielen anderen Stellen sehr intensiv mit dem Thema Menschlichkeit auseinandergesetzt. Ganz zuvorderst in seinem Werk „Die Nashörner“, in dem wir einen schleichenden Prozess der Entmenschlichung erleben. Aber was ist ein Mensch? Was ist menschlich? Ein Sprichwort sagt, Irren sei menschlich. Und wir Menschen irren oft. Der Mensch ist ein Herdentier. Er folgt gerne anderen Menschen. Aktuell leben wir in einer Zeit der „Follower“. In der Schöpfung sind wir Teil des Konzepts „Fressen oder gefressen werden“. Und wir Menschen fressen viel. Der Mensch, wie wir ihn heute kennen, hatte parallele Entwicklungslinien, vergleichbare Spezies. Er hat sie alle unterworfen, verdrängt, getötet, gefressen. Aber die Schöpfung hat den Menschen auch mit Potenzialen versehen, wie wir sie im Tierreich selten bis gar nicht vorfinden. Von Trieben losgelöstes eigenständiges Denken, Empathie, Nächstenliebe, Selbstlosigkeit, Friedfertigkeit. Auch das steckt im Menschen. So betrachtet, ist die Perspektive in „Die Nashörner“ nicht ganz konsequent, denn das Mitmachen ist ebenfalls im Code der Menschheit enthalten. Und ohne Gewalt hätte der Mensch in der uns bekannten Schöpfungskonzeption nicht bis heute überlebt und sich nicht an der Spitze der Nahrungskette etabliert. Die Zielrichtung in Eugène Ionescos Werk war der zivilisierte, selbst denkende, friedfertige Mensch.

Auch die Serie „Westworld“ stellt die Frage des Menschseins in den Raum. Menschen erschaffen eine technische Spezies, die wie wir Menschen aussehen, sich so verhalten, vergleichbar kommunizieren. Es gibt nur einen Unterschied: Es fehlt den Androiden an Bewusstsein und Selbstbestimmung. Alles ist programmiert. Aber die Neuroinformatik ermöglicht, den nächsten Schritt zu gehen. Und so ist langfristig nicht nur denkbar, dass sich Mensch und Maschine angleichen. Es ist auch denkbar, dass daraus eine neue Spezies entsteht, die den Mensch eines Tages verdrängen könnte. „Westworld“ ist nicht die einzige filmische Dystopie, die sich mit diesem Szenario beschäftigt. Niemand kann vorhersehen, ob sich dann die zivilisierten, guten Eigenschaften des Menschen durchsetzen würden. Auf der anderen Seite hat es der Mensch trotz seines guten intellektuellen und emotionalen Potenzials geschafft, sich auf die Reise in Richtung Ende seiner Existenz zu begeben. Der Mensch unserer Prägung braucht für das Ende gar nicht mehr die Fantasie eines Kometeneinschlags aus heiterem Himmel. Die Ideen für das Endszenario schafft er selbst, sei es in Form von Massenvernichtungswaffen, Kriegen, Umweltzerstörung, Überbevölkerung. Auf die Kernfrage dieses Abschnitts zurück fokussiert: Sind wir uns eigentlich bewusst, wovon wir sprechen, wenn es um Menschlichkeit geht? Die Fernsehserie gibt uns zumindest einen Anlass, einen Schritt zurückzutreten und einmal aus einer entfernteren Perspektive darüber nachzudenken. Genau das wollte vermutlich auch Eugène Ionesco mit einem Teil seines Schaffens bewirken.

Die Menschheit im Schlamm: Ein neuer Kosmos

Zum Abschluss dieser Ausführungen gehen wir an das Ende der vierten Staffel der Fernsehserie. Die Menschheit steht vor dem endgültigen Ende. Und auch die neue dominante Spezies der Androiden steht kurz davor, sich selbst zu vernichten. Die Ironie der Geschichte ist, dass die neue, künstliche Intelligenz erst spät wahrnimmt, dass sie nun einmal von Menschen programmiert und vorgeprägt wurde. Und so kommen nun auch die negativen, selbstzerstörerischen Eigenschaften des Menschen in den Androiden zum Vorschein. Die Menschheit hatte nicht rechtzeitig die ethischen Fragen der Neuroinformatik geklärt, die neue Spezies hat es überraschenderweise an selbst erhaltender Logik mangeln lassen. Nun ersehnen beide einen Neuanfang, einen neuen Kosmos. Wir sind – übertragen auf die planetarische Bühne – nahe am Werk „Schlamm“ von Eugène Ionesco. Hier ist es eine einzelne Person, die sich auflöst, „moralisch, geistig und physisch. So sehr, dass sie ihre Beine verliert, dass sie ihre Arme verliert. Und schließlich bleibt ihr nur noch der Mund übrig. Ein Auge, um den Himmel zu betrachten, und der Mund, um zu sagen: 'Ich werde wieder von vorne anfangen. Ich liebe diese Welt nicht.' Er bittet Gott um eine neue Offenbarung. Um einen neuen Kosmos.“ In dem Werk Ionescos gehen dem freien Fall des Protagonisten Fragen der Bestimmung voraus, Gefühle der Entfremdung, der Desorientierung und auch Momente der Dekadenz, der Suche nach Füllung der Leere.

Gerüchten zufolge, wird es von der Serie noch eine fünfte und letzte Staffel geben. Aus der Perspektive Eugène Ionescos ist allerdings mit dem aktuellen Stand ein nahezu perfektes Ende gegeben: Das Szenario ist düster, aber noch offen. Es gibt noch Raum für Hoffnung. Und es ist maximaler Anlass zur Reflexion gegeben. Was kann man mehr erwarten, zumal von einem Produkt der Unterhaltungsindustrie?

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